In meiner Arbeit als Emotionscoach gibt es ein Wort, das mich immer wieder aufhorchen lässt: „eigentlich“. Kaum fällt dieses Wort, werde ich neugierig. Es lädt mich geradezu ein nachzufragen:
„Eigentlich?“
Denn dieses kleine Wort ist selten nur eine beiläufige Formulierung. Es kündigt häufig einen inneren Konflikt, einen inneren Widerstand an. Sehr oft steckt in diesem „Eigentlich“ eine Emotion, die stärker wirkt als das, was wir rational wahrhaben wollen. Schauen wir uns einmal genauer an, was hinter dem Begriff „Eigentlich“ steht, denn genau hier beginnt es interessant zu werden.
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Was steckt hinter dem „Eigentlich“?
Vielleicht kennst du das auch.
- Du hast längst verstanden, dass dir Perfektionismus nicht immer guttut.
- Du nimmst dir vor, häufiger Nein zu sagen.
- Du wünschst dir, in stressigen Situationen gelassener zu bleiben.
Und trotzdem passiert es wieder:
- Du sagst Ja, obwohl du Nein meinst.
- Du gehst hart mit dir ins Gericht, statt dir mit Mitgefühl zu begegnen.
- Und manchmal reagierst du heftiger, als du eigentlich wolltest und fängst mal wieder an, an dir selbst zu zweifeln.
Und du denkst:
„Eigentlich weiß ich es doch, wie ich es besser machen könnte. Warum gelingt es mir trotzdem nicht?“
Wenn Verstand und Emotionen nicht dieselbe Sprache sprechen
Wenn du dich in den vorherigen Zeilen wiedererkennst, bist du nicht allein. Und die gute Nachricht ist: Es liegt wahrscheinlich weder an mangelnder Disziplin, einer fehlenden Morgenroutine, noch an deinem fehlenden Wissen. Viele Menschen erleben genau diesen inneren Widerspruch: Sie wissen, was ihnen guttun würde – und handeln in bestimmten Momenten trotzdem anders und Hinterher taucht dann oft der Gedanke auf:
„Warum mache ich das schon wieder? Ich weiß es doch eigentlich besser.“
Und genau hier wird es spannend. Denn vielleicht liegt die Antwort gar nicht darin, dass du zu wenig weißt oder dich nicht genug anstrengst. Vielleicht ist in diesem Moment etwas anderes schneller als dein bewusster Verstand. Etwas, das nicht erst nachdenkt, sondern blitzschnell reagiert. Etwas, das aufgrund früherer Erfahrungen entscheidet, noch bevor du bewusst wählen kannst.
Was genau dabei in unserem Gehirn passiert und warum Emotionen schneller sind als unser Verstand, schauen wir uns jetzt genauer an.
Warum sind Emotionen schneller als unser Verstand?
Noch bevor wir bewusst über eine Situation nachdenken können, hat unser Gehirn bereits eine erste Einschätzung vorgenommen. Innerhalb von Millisekunden wird unbewusst geprüft:
- Ist das sicher?
- Ist das vertraut?
- Muss ich mich schützen?
Diese erste Bewertung erfolgt nicht durch unser bewusstes Denken, sondern durch das emotionale Verarbeitungssystem unseres Gehirns. Heute sind es normalerweise keine wilden Tiere mehr, die unser Alarmsystem aktivieren, wie noch in der Steinzeit. Heute sind es die kritischen Blicke meiner Chefin, ungelöste Konflikte mit dem Partner, Ablehnung, hoher Druck oder die Angst, nicht zu genügen. Für unser emotionales Gehirn können solche Situationen eine ähnliche Alarmreaktion auslösen – auch wenn objektiv keine Lebensgefahr besteht. Denn unser Gehirn hatte und hat auch noch heute eine zentrale Aufgabe: unser Überleben zu sichern.
Eine wichtige Rolle spielt dabei die Amygdala, unser Mandelkern im Gehirn. Sie ist Teil unseres emotionalen Alarmsystems. Ihre Aufgabe ist es, Situationen blitzschnell daraufhin zu prüfen, ob sie gefährlich sind und möglicherweise eine Bedrohung darstellen. Ist das der Fall, löst sie innerhalb von Millisekunden eine Schutzreaktion aus – noch bevor wir bewusst darüber nachdenken können.
Unser präfrontaler Cortex, unser Steuerungsnetzwerk, hingegen unterstützt uns dabei, Situationen einzuordnen, abzuwägen, Zusammenhänge zu erkennen und bewusst zu handeln. Er hilft uns dabei, einen klaren Kopf zu bewahren und ermöglicht uns den Zugang zu unseren inneren Ressourcen, zu unseren Lernerfahrungen.
Befindet sich die Amygdala jedoch in einem hohen Erregungszustand, (die Fachwelt spricht hier von einem Amygdala- Highchek), wird die Aktivität des präfrontalen Cortex deutlich eingeschränkt. Vereinfacht gesagt: Unser Gehirn schaltet vom Überlegen ins Überleben.
Warum wir manchmal anders reagieren, als wir uns vorgenommen haben?
In diesem Moment wird der Zugriff auf unsere Ressourcen blockiert. Wir sind im Kampf- oder Fluchtmodus. Statt klar und bewusst zu entscheiden, reagieren wir automatisch – mit den Strategien, die unser Gehirn aus früheren Erfahrungen kennt und als hilfreich und schützend abgespeichert hat.
Und genau deshalb reagieren wir manchmal anders, als wir es uns eigentlich vorgenommen hatten. Nicht, weil wir es nicht besser wüssten. Sondern weil unser emotionales Alarmsystem in diesem Moment schneller war als unser bewusstes Denken. Nicht, weil unser Verstand versagt hat. Sondern weil in diesem Moment unsere Emotionen schneller waren.
Denn, zwischen dem, was wir eigentlich wissen …
… und dem, was wir tatsächlich fühlen.
Zwischen dem, wie wir eigentlich leben möchten …
… und dem, wie wir automatisch handeln.
Zwischen dem, wer wir eigentlich sind …
… und den emotionalen Erfahrungen, die uns manchmal davon abhalten, genau das zu leben, liegt die große Chance auf Entwicklung.
Verstehen schafft Raum für Entwicklung
Vielleicht fragst du dich jetzt:
„Schön zu wissen, warum mein Gehirn so reagiert. Aber was hilft mir das?“
Sehr viel. Denn solange wir glauben, mit uns stimme etwas nicht, kämpfen wir gegen uns selbst. Wenn wir jedoch verstehen, dass unser Gehirn versucht, uns zu schützen, verändert sich etwas Entscheidendes: Aus Selbstkritik werden Verständnis und Neugier. Denn persönliche Entwicklung beginnt genau dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Dort, wo wir achtsam wahrnehmen, was gerade im Außen und im Innen geschieht. Aus Selbstkritik wird Verständnis und Neugier.
Denn persönliche Entwicklung beginnt genau dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen und achtsam wahrnehmen, was gerade im Außen und in uns selbst geschieht.
Vielleicht denkst du beim Lesen dieses Artikels: „Jetzt verstehe ich endlich, warum ich so reagiere.“ Und das ist ein wichtiger erster Schritt. Doch Verstehen allein verändert unser emotionales Gehirn meist noch nicht.
Denn unser Gehirn lernt nicht nur durch Einsicht, sondern vor allem durch neue Erfahrungen. Deshalb braucht es neben dem Verstehen auch Momente, in denen wir innehalten und wahrnehmen, uns regulieren und unserem Nervensystem die Erfahrung ermöglichen:
„Ich bin jetzt sicher.“
Spüren bringt Entwicklung in Bewegung
Persönliche Entwicklung beginnt genau dort, wo wir aufhören, gegen uns selbst zu kämpfen. Dort, wo wir achtsam wahrnehmen, was gerade im Außen und im Innen geschieht.
Und gleichzeitig ist es wichtig zu wissen: Wirkliche Veränderung entsteht meist nicht allein durch Verstehen. Sie braucht auch eine emotionale Beteiligung. Für mich bedeutet das, dass zum achtsamen Wahrnehmen auch ein achtsames Spüren dazugehört.
Vielleicht bemerkst du, wie sich eine unangenehme Emotion eng anfühlt. Wie es drückt oder zieht. Wie Wärme oder Kälte im Körper auftaucht. Wenn wir all das nicht sofort wegdrücken oder uns Ersatzhandlungen zuwenden, sondern lernen, diese Körpersignale bewusster wahrzunehmen und ruhig weiterzuatmen, kann etwas Neues entstehen: ein tieferes Verständnis für uns selbst, unsere Bedürfnisse und die Signale unseres Körpers.
Dann müssen wir nicht mehr gegen unsere Emotionen ankämpfen, sondern können sie als wichtige Botschafter unserer Bedürfnisse wahrnehmen. Wir beginnen, ihnen zuzuhören. Und genau darin liegt oft der erste Schritt zu einer nachhaltigen Veränderung.
Eine kleine Einladung zum Innehalten
Achte in den nächsten Tagen einmal bewusst auf deine „Eigentlich“-Einwände. Immer wenn ein „Eigentlich …“ auftaucht, nimm dir einen kurzen Moment zum Innehalten und frage dich:
➡️ Was steckt eigentlich hinter meinem „Eigentlich“?
➡️ Was möchte ich gerade lieber nicht wahrnehmen oder nicht fühlen ?
➡️ Welche Emotion versucht mir gerade etwas Wichtiges zu zeigen?
Was dir in solchen Momenten helfen kann
Und wenn du in solchen Momenten merkst, dass dein Stresssystem bereits sehr aktiv ist, können manchmal schon kleine Schritte helfen, wieder mehr bei dir anzukommen. Genau dafür habe ich die 3 A’s – Achtsamkeit, Atmung und Aufrichten – beschrieben: drei einfache Möglichkeiten, um aus stressigen Situationen leichter herauszufinden und wieder Zugang zu mehr Ruhe und Klarheit zu bekommen
👉🏻 Hier geht es zum Artikel: https://waltraud-koller.de/achtsamkeit-atmung-aufrichten
Und wenn du bemerkst, dass bestimmte Verhaltensmuster dich immer wieder ausbremsen und du diese Muster lösen möchtest, kann ein Emotionscoaching ein wertvoller nächster Schritt sein – nicht, um dich zu optimieren, sondern um dich selbst weiterzuentwickeln, dich besser zu verstehen und neue innere Freiräume zu entdecken.
Wenn du dir dabei eine persönliche Begleitung wünschst, lade ich dich herzlich zu einem kostenfreien Kennenlerngespräch ein. Gemeinsam schauen wir, was dich gerade bewegt und welche Unterstützung für dich passend sein könnte.
Schreibe mir einfach eine E-Mail an: info@waltraud-koller.de und ich melde mich bei dir, damit wir einen passenden Termin für unser Gespräch finden.
Ich freue mich auf Dich!

