„Ich habe einen Fehler gemacht.“
Ein ganz einfacher Satz mit fünf Worten. Und doch kommt er uns meist gar nicht so einfach über die Lippen, oder? Stattdessen schießen uns verschiedenste Gedanken und Glaubessätze in den Kopf und machen das Ganze noch schwieriger. Gedanken wie:
Das darf mir doch nicht passieren.
Was denken die anderen jetzt von mir?
Wie konnte ich nur so blöd sein?
Und schließlich bringt unser wildes Gedankenkarussel, auch noch verschiedene Emotionen auf die Bühne: Scham, Schuld, Ärger, Enttäuschung oder Angst. Und manchmal wird aus einem einfachen „Ich habe etwas falsch gemacht“ ganz schnell ein „Mit mir stimmt etwas nicht“.
Doch muss das so sein?
In diesem Artikel möchte ich etwas genauer hinschauen: auf Fehler, auf Scham und Schuld – und auf die Frage, wie wir Verantwortung übernehmen können, ohne uns dabei selbst zu verurteilen.
Was sind eigentlich Fehler?
Wikipedia beschreibt einen Fehler als die Abweichung eines Zustands, Vorgangs oder Ergebnisses von einem bestimmten Standard, einer Regel oder einem Ziel. Eine technische Definition spricht von der unerwünschten Abweichung eines Ist-Zustands von einem Soll-Zustand.
Psychologisch betrachtet könnte man sagen: Ein Fehler ist eine Handlung oder Entscheidung, die zu einem unerwünschten Ergebnis führt, obwohl wir es eigentlich gerne besser gemacht hätten.
Inhaltlich klingt das ziemlich nüchtern: eine Abweichung vom gewünschten Ergebnis. Doch unser Erleben, wenn uns ein Fehler unterlaufen ist, ist häufig alles andere als nüchtern.
Unsere Gedanken gießen dann oft noch Öl ins Feuer:
- „Oh nein, das darf mir doch nicht passieren!“
- „Was denken die jetzt von mir?“
- „Wie konnte ich nur so einen dummen Fehler machen? Ich bin einfach zu blöd.“
Natürlich machen sich auch unsere Emotionen bemerkbar. Oft ist es nicht nur ein einzelnes Gefühl, sondern ein ganzer Emotionscocktail: Vielleicht schämen wir uns und würden am liebsten im Boden versinken. Vielleicht fühlen wir uns schuldig. Vielleicht sind wir enttäuscht von uns selbst, haben Angst vor den Konsequenzen oder ärgern uns über uns selbst oder andere.
Schuld vs. Scham
Gerade Schuld und Scham werden häufig miteinander verwechselt: Schuld sagt eher: „Ich habe etwas getan, das nicht in Ordnung war.“
Scham dagegen führt schnell zu einem negativen Urteil über die eigene Person. Ein Gedanke macht sich breit: „Mit mir stimmt etwas nicht.“ Wenn Scham sprechen könnte, würde sie vielleicht sagen: „Achtung, du könntest gerade den Anschluss und die Anerkennung deiner Gruppe verlieren!“ Diese Unterscheidung finde ich entscheidend. Denn Schuld kann uns durchaus dabei helfen, Verantwortung zu übernehmen und aus Fehlern zu lernen. Scham dagegen kann so unangenehm werden, dass wir ihr möglichst schnell entfliehen wollen – denn plötzlich stehen sich zwei Gedanken unvereinbar gegenüber: Da ist zum einen unser Selbstbild: „Ich bin kompetent, zuverlässig und habe mein Leben im Griff.“ Und dann kommt die Realität hinzu: „Ich habe einen blöden Fehler gemacht.“ Uff. Diese beiden Gedanken passen nicht gut zusammen – und unser Kopf mag solche Widersprüche überhaupt nicht. Also beginnt er, nach einer Erklärung zu suchen: Dann war es eben der Stress. Das System. Die Kollegin. Die Umstände. Der Zeitdruck.
Natürlich können all diese Faktoren eine Rolle gespielt haben. Aber manchmal helfen uns solche Erklärungen vor allem dabei, den eigenen Anteil nicht anschauen zu müssen. Das schützt kurzfristig vor unangenehmen Gefühlen – verhindert gleichzeitig aber auch, dass wir uns ehrlich mit unserem Fehler auseinandersetzen und daraus lernen.
Woher kommt dieses Erleben?
Genau hier wird es interessant. Denn wie wir mit Fehlern umgehen, haben wir nicht erst im Erwachsenenalter gelernt. Viele von uns kennen aus der Schule Sätze wie: „Das musst du doch wissen!“ oder „Wie kann man nur so einen Fehler machen?“ Manche haben auch zu Hause erlebt, dass Fehler mit Kritik, Vorwürfen oder Abwertung verbunden waren. kein Wunder also, dass sich ein Fehler nicht einfach wie eine sachliche Information anfühlt, sondern tief in uns etwas in Bewegung bringt.
Auch ein Blick auf unsere Evolution hilft, das einzuordnen: Für unsere Vorfahren konnten Fehler tatsächlich lebensbedrohlich sein. Das Raubtier nicht zu bemerken, die falsche Pflanze zu essen oder eine Gefahr falsch einzuschätzen, hatte schwerwiegende Folgen. Für uns und die Gruppe. Und für uns als soziale Wesen war die Zugehörigkeit zur Gruppe überlebenswichtig.
Unser Gehirn arbeitet heute zwar unter völlig anderen Bedingungen – ein falsch gesetztes Komma, eine vergessene Aufgabe oder ein unbedachtes Wort sind in den meisten Fällen keine existenzielle Bedrohung –, und trotzdem kann es sich manchmal genau so anfühlen.
Der Schlüssel: Hinsehen statt Wegdrücken
Vielleicht liegt genau hier ein wichtiger Schlüssel für unseren Umgang mit Fehlern: Wir dürfen nicht nur lernen, es beim nächsten Mal besser zu machen, sondern auch lernen, die Emotion wahrzunehmen, die dabei in uns entsteht.
Meiner Meinung nach geht es hier nicht darum, Scham möglichst schnell wieder loszuwerden. Denn auch Scham hat eine Funktion: Sie kann uns darauf aufmerksam machen, unser eigenes Verhalten zu hinterfragen. Haben wir unseren Werten entsprechend gehandelt? Haben wir uns in einer Weise verhalten, die unserem Miteinander guttut?
Scham kann uns auch davor bewahren, uns selbst für unfehlbar zu halten. Vielleicht steckt auch darin die Erinnerung: Wir sind Menschen – mit Licht und Schatten.
Wie gehen wir nun am Besten mit unserer Scham um?
Als erstes dürfen wir einfach wahrnehmen und anerkennen:
Ja, da ist Scham. Und ja, auch Schuld darf da sein.
Beide Emotionen dürfen Raum haben und gefühlt werden Wir dürfen wahrnehmen, was in uns passiert, ohne uns dafür noch zusätzlich zu verurteilen.
Denn genau hier liegt der feine Unterschied: Selbstannahme bedeutet nicht, dass ich meinen Fehler gutheißen muss. Ich kann sagen:
➡️ „Ja, das war mein Fehler.“
➡️ „Ja, ich hätte anders handeln können.“
➡️ „Ja, vielleicht habe ich damit jemanden verletzt oder eine Situation erschwert.“
➡️ „und ja, ich schäme mich für meinen Fehler!“
Und gleichzeitig:
➡️ „Ich bin deswegen kein schlechter Mensch, sondern wertvoll und liebenswert! Und wir brauchen uns für unsere Scham nicht zu Schämen!“
Brené Brown beschreibt drei Dinge, durch die Scham wachsen kann: Geheimhaltung, Schweigen und Verurteilung. Und genau hier wird es für unseren Umgang mit Fehlern interessant: Wenn wir uns selbst für das, was passiert ist, verurteilen, bekommt die Scham noch zusätzlichen Raum.
Doch was wäre, wenn wir stattdessen bereit wären, ehrlich hinzuschauen, ohne uns selbst dabei zu verurteilen?
Verantwortung statt Selbstkritik
Das genau ist für mich der Raum, den wir brauchen, um wirklich hinzuschauen. Nicht aus der Haltung: „Ich muss beweisen, dass ich kein schlechter Mensch bin“, sondern aus der Haltung: „Ich bin ein Mensch. Mit Licht und Schatten. Ich mache auch Fehler. Und ich bin bereit, hinzuschauen und meine Verantwortung zu übernehmen.“
Dann können wir uns ehrlich fragen:
Was ist tatsächlich passiert?
Wie ist es dazu gekommen?
Was war mein Anteil?
Was habe ich vielleicht übersehen?
Was kann ich daraus lernen?
Und was möchte ich beim nächsten Mal anders machen?
Das ist etwas völlig anderes als Selbstkritik. Es ist im allerersten Schritt Selbstreflexion und dann die Übernahme von Verantwortung für mein Handeln.
Verantwortung zu übernehmen bedeutet nicht, alles auf sich zu laden. Es bedeutet, den eigenen Anteil anzuerkennen – auch dann, wenn es unangenehm ist. Und genau das braucht Mut.
Den Mut zu sagen: „Ja, das war mein Fehler“ – ohne sofort ein „Aber“ hinterherzuschicken. Ohne den eigenen Anteil hinter den Umständen oder bei den anderen verschwinden zu lassen. Und vor allem, den Mut die Scham beim Namen zu nennen ohne sich selbst dafür kleinzumachen oder vor Scham am liebsten in den Boden zu versinken.
Darin liegt eine besondere Form von innerer Stärke: Ich kann meinen Fehler anschauen, ohne mich selbst aus den Augen zu verlieren. Ich kann mich als Mensch annehmen – mit meinen Stärken, meinen Schwächen und eben auch mit meinen Fehlern.
Vielleicht auch gerade, weil ich mich nicht vor mir selbst verstecken muss, kann ich ehrlich hinschauen, Verantwortung übernehmen und lernen. Mich entwickeln.
Dies ist aus meiner Sicht ein gereifter Umgang mit Fehlern, den wir brauchen: Nicht fehlerlos zu werden. Sondern menschlich zu bleiben – auch dann, wenn etwas schiefgeht.
Und vielleicht darf die Scham dabei sogar ein Stück weit mit am Tisch sitzen. Nicht als Richterin, sondern als kleine Erinnerung daran: Du bist ein Mensch.
Und wie ist es bei dir?
Denk einmal an einen Fehler zurück, der dich noch heute beschäftigt.
Kannst du sagen: „Ja, das war mein Fehler. Und ja, ich schäme mich dafür.“
Und gleichzeitig diesen Satz als wahr empfinden?: „Ich bin deshalb kein schlechter Mensch.“
Vielleicht ist genau das die kleine Übung, die wir im Umgang mit unseren Fehlern immer wieder brauchen: ehrlich hinschauen, Verantwortung übernehmen – und uns dabei selbst nicht verlieren.
Was möchtest du dir selbst zugestehen, wenn dir das nächste Mal ein Fehler passiert?
Und denk daran:
„Wer in seiner Mitte ruht, kann sich weit hinauswagen„.
Und wenn du dir mehr solche Selbstreflexionsfragen wünscht, habe ich noch einen kleiner Bonus für dich zum herunterladen: 👉🏻 Deine kleine Auszeit



6 Comments
Liebe Waltraud, danke, dass du der Scham Raum schenkst. Ich finde sie auch so kostbar (ja, ich will dazu gehören, bin keine Insel) und oft so vernachlässigt. Danke für deine Beiträge, die helfen, menschliches Miteinander menschlicher zu machen.
Alles Liebe, Sonja
Liebe Sonja, danke für deine wertschätzenden Worte. Ja, das menschliche Miteinander menschlicher machen ist ein wichtiger Aspekt. Ein weiterer Aspekt ist, unser inneres „Erleben“, unsere Emotionen und Bedürfnisse wahrzunehmen, um dann auch unseren dahinterliegenden Bedürfnissen Raum zu geben. Daraus entsteht Selbstwirksamkeit.
Herzliche Grüße
Waltraud
Liebe Waltraud,
diese Unterscheidung zwischen Schuld und Scham hast du unglaublich klar auf den Punkt gebracht: „Ich habe etwas getan, das nicht in Ordnung war“ vs. „Mit mir stimmt etwas nicht“. Wie schnell aus einem Fehler ein Urteil über die ganze Person wird!
Besonders hängen geblieben ist mir der Satz: „Ich bin deswegen kein schlechter Mensch, sondern wertvoll und liebenswert.“ Den dürften sich bestimmt viel mehr Menschen viel öfter sagen.
Herzliche Grüße, Sona
Liebe Sona,
hach, da hüpft mein Herz über deinen Kommentar. Vielen Dank dafür.
Es ist so wichtig, diese Unterscheidung von: “ Ich habe einen Fehler gemacht“ und: “ Ich bin ein Fehler“ zu machen.
So können wir uns auch noch viel mehr eingestehen: „Ich bin ein Mensch mit Licht und Schatten.“
Fehler gehören dazu und wir können und dürfen daraus lernen.
Herzliche Grüße
Waltraud
Liebe Waltraud,
vielen Dank für diese guten Gedanken zum Fehler machen und Scham empfinden. Gerade heute habe ich etwas gemacht, dass in den Augen der anderen Person nicht richtig war.. Die Person, die mich kritisiert hat, hatte dann Sorge, dass sie mich mit ihrer Kritik verletzt. Auch wenn ich Scham und Verletzung tatsächlich gefühlt habe, konnte ich äußern: „Ich gehe davon aus., du meinst die Sache und nicht mich als Person.“
Das hat mir selbst sehr geholfen. Das war in etwa so wie du schreibst. Die Dinge differenzierter zu sehen. Wahrnehmen und reflektieren.
Vielen Dank für deine guten Impulse! Liebe Grüße, Bettina
Liebe Bettina, oh, wow, ich finde deine Reaktion sensationell.
Diesen Unterschied zu benennen, in einer Situation, in der du dich selbst verletzt gefühlt hast, zeigt eine große Präsenz und einen guten Blick auf das Geschehen von außen.
Situationen aus der Distanz zu betrachten, wie ein Zuschauer, hilft sehr vor allem wenn es emotional wir.
Danke für’s Teilen. ❤️
Herzliche Grüße
Waltraud